Herr Polo, das AHK-Frühjahrsbarometer 2026 bestätigt erneut die Attraktivität Spaniens für deutsche Unternehmen, nachdem der spanische Technologiesektor 2025 mit zweistelligen Wachstumsraten abgeschlossen hat. Wie würden Sie aus Ihrer Perspektive die aktuelle Situation Spaniens als Standort für deutsche Industrie- und Dienstleistungsunternehmen beschreiben, insbesondere für diejenigen, die digitale Kompetenzen im Land aufbauen und von dort aus auf andere Märkte ausrollen wollen?
In den letzten Jahren hat Spanien eine sehr starke Kombination aus Talenten, Infrastruktur, betrieblicher Stabilität, Innovationsfähigkeit und natürlicher Verbindung zu anderen Märkten – insbesondere Europa und Lateinamerika – konsolidiert. Für deutsche Unternehmen, die in Spanien traditionell einen soliden Industriepartner gefunden haben, entwickelt sich das Land nun auch zu einer Technologieplattform, von der aus sich fortgeschrittene digitale Kompetenzen entwickeln lassen.
Das sehen wir bei T-Systems sehr deutlich. Seit 25 Jahren sind wir in Spanien präsent und haben Projekte für öffentliche Verwaltungen und Schlüsselbranchen wie Automobil, Fertigung, Gesundheit, Finanzen, Einzelhandel oder Versorgungswirtschaft umgesetzt. Heute ist Spanien ein bedeutender Markt für das Unternehmen und ein Hub, von dem aus wir Technologiedienstleistungen für internationale Kunden erbringen, die sich auf unsere Kompetenzzentren in Granada und Reus stützen.
Außerdem zeigt das Wachstum des spanischen Technologiesektors, dass eine echte Nachfrage nach Digitalisierung, Cloud, Cybersicherheit, Daten und künstlicher Intelligenz besteht. Die Chance liegt darin, diese Dynamik in industrielle Wettbewerbsfähigkeit umzuwandeln. Spanien kann eine bedeutende Rolle in der europäischen digitalen Agenda spielen, wenn es weiterhin auf Talente, Innovation, öffentlich-private Zusammenarbeit und souveräne Technologieinfrastrukturen setzt.
Die Debatte über die digitale Infrastruktur Spaniens hat sich weitgehend auf Rechenzentren konzentriert, doch das Ökosystem geht weit darüber hinaus: Hochkapazitätsverbindungen, Cloud-Plattformen, Edge Computing, Managed Services, Cybersicherheit und KI-Kompetenzen. Welche Rolle müssen europäische Technologiebetreiber wie T-Systems spielen, damit Spanien diese Infrastruktur in eine echte produktive Ebene im Dienst von Unternehmen, Industrie und europäischer Wettbewerbsfähigkeit umwandelt?
Rechenzentren sind ein wesentliches Element, aber wir können digitale Infrastruktur nicht auf Speicher- oder Rechenkapazität reduzieren. Die eigentliche Transformation findet statt, wenn wir diese Infrastruktur mit Cloud-Plattformen, Managed Services, Cybersicherheit, Edge Computing, Datenanalyse und dem Einsatz von KI in realen Geschäftsprozessen verbinden – und das auf souveräne Weise.
Genau das muss die Rolle europäischer Technologiebetreiber wie T-Systems sein: die Infrastruktur in eine produktive, sichere und nützliche Ebene für Unternehmen, Industrie und Verwaltungen umzuwandeln. Es reicht nicht aus, über technologische Kapazität zu verfügen; es gilt, Organisationen dabei zu begleiten, wie sie diese übernehmen, in ihre Abläufe integrieren und in Effizienz, Resilienz und neue Geschäftsmodelle überführen – in dem Wissen, dass ihre Daten stets in Europa verbleiben.
In Spanien verfügen wir über bedeutende Kapazitäten. Unsere private Cloud-Region für Südeuropa in Barcelona mit geschäftskritischen Rechenzentren erbringt Dienstleistungen für öffentliche Einrichtungen, die Millionen von Bürgerinnen und Bürgern versorgen, sowie für Fabriken in kritischen Industriezweigen. Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch in der Kombination dieser Infrastruktur mit Branchenkenntnis, Sicherheit, regulatorischer Compliance und einem 24/7-Betrieb.
Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Spanien darf nicht als eine reine Handelsbeziehung verstanden werden, sondern als eine Allianz zur
Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.“
Auch in Spanien wird es immer schwieriger, alle Stellen im digitalen Bereich zu besetzen. Gleichzeitig zeigen Hubs wie das Kompetenzzentrum von T-Systems in Granada, das der Vorstand der AHK Spanien im vergangenen November besuchte, das Potenzial Spaniens als Basis für fortgeschrittene Technologiedienstleistungen. Was macht Spanien für Ihre Gruppe besonders attraktiv, und welche Strategie verfolgen Sie, um die benötigten digitalen Fachkräfte anzuziehen, auszubilden und zu halten?
Spanien ist für unsere Gruppe aus drei Gründen besonders attraktiv: Talente, Innovationsfähigkeit und operative Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt eine sehr solide Basis technologischer Fachkräfte, Universitäten mit hohem Niveau und lokale Ökosysteme, die stark wachsen. Granada ist ein sehr klares Beispiel. Wir kamen dorthin, weil es drei für uns grundlegende Merkmale vereinte: Innovation, Technologie und Talente. Heute hat sich unser Kompetenzzentrum zu einem Hub mit internationaler Reichweite entwickelt, von dem aus wir Projekte in den Bereichen Cloud, KI, Advanced Analytics, Cybersicherheit und Datenräume für Kunden aus verschiedenen Ländern realisieren.
Wie überall in Europa besteht die Herausforderung darin, dass die Nachfrage nach digitalen Profilen schneller wächst als das Angebot. Deshalb kann sich unsere Strategie nicht auf die Einstellung beschränken. Wir müssen anziehen, ausbilden und halten. Wir arbeiten mit Universitäten wie der Universität Granada oder der Rovira i Virgili zusammen, fördern Lehrstühle, Bootcamps und Initiativen zur kontinuierlichen Weiterbildung und setzen auf das Upskilling und Reskilling unserer Mitarbeiter.
Ebenso wichtig ist es, sinnstiftende Projekte anzubieten. Digitale Talente wollen lernen, aber auch an Initiativen mit echtem Einfluss teilnehmen: öffentliche Dienste verbessern, das Gesundheitswesen transformieren, Cybersicherheit stärken oder eine souveränere und nachhaltigere europäische Technologie vorantreiben.
Ihr Mandat als Präsident der AHK Spanien endete Anfang Juni. Sie übernahmen den Vorsitz in einem von der Pandemie, der Energiekrise und neuen geopolitischen Spannungen geprägten Umfeld, und in diesen Jahren haben Themen wie europäische Souveränität, Reindustrialisierung, künstliche Intelligenz und der grüne Wandel die Unternehmensagenda bestimmt. Welche Bilanz ziehen Sie aus dieser Zeit an der Spitze der AHK, und wie sehen Sie die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Spanien?
Es war eine sehr intensive und zugleich sehr bereichernde Phase. Ich übernahm den Vorsitz der AHK Spanien in einem außerordentlich komplexen Umfeld, geprägt von der Pandemie, der Energiekrise, der Inflation, geopolitischen Spannungen und einer tiefgreifenden Neuausrichtung der Lieferketten. Meine Bilanz ist sehr positiv, denn in diesen Jahren hat die AHK ihre Rolle als Unternehmensbrücke zwischen Deutschland und Spanien gestärkt, als diese Beziehung wichtiger denn je war. Wir haben erlebt, wie Themen wie europäische Souveränität, Reindustrialisierung, grüner Wandel, künstliche Intelligenz oder Digitalisierung in den Mittelpunkt der Agenda gerückt sind. Und ich glaube, dass Deutschland und Spanien natürliche Partner sind, um diese Themen anzugehen.
Deutschland bringt enorme industrielle, technologische und exportorientierte Kompetenzen mit. Spanien trägt Talente, Wettbewerbsfähigkeit, erneuerbare Energien, digitale Kompetenzen und eine strategisch sehr relevante Position bei. Die Zusammenarbeit beider Länder darf nicht nur als Handelsbeziehung verstanden werden, sondern als Allianz zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Die Zukunft erfordert mehr industrielle Kooperation, mehr gemeinsame Innovation, mehr Investitionen in Talente und eine gemeinsame Vision zur strategischen Autonomie Europas.
Die Zukunft liegt in mehr industrieller Zusammenarbeit, mehr gemeinsamer Innovation, mehr Investitionen in Fachkräfte und einer gemeinsamen Vision für die strategische Autonomie Europas.“
Die europäische digitale Souveränität ist zu einer erklärten Priorität von Brüssel und den Mitgliedstaaten geworden, erfordert aber echte Alternativen zu den großen nicht-europäischen Hyperscalern. T-Systems hat mit T Cloud Public und der Industrial AI Cloud einen sehr klaren Schritt unternommen und plant ab 2028 die Integration von Hardware-Souveränität. Warum ist es für Europa strategisch unverzichtbar, über eine eigene Cloud und eine eigene künstliche Intelligenz zu verfügen, welche Risiken gibt es, wenn es darauf verzichtet – insbesondere in regulierten Sektoren wie Banken, Gesundheit oder öffentlicher Verwaltung – und welche Rolle soll Spanien in dieser europäischen Architektur spielen?
Wenn wir von digitaler Souveränität sprechen, geht es nicht nur darum, wo Daten gespeichert werden, sondern darum, wer sie verwaltet, unter welcher Rechtsordnung sie geschützt werden, mit welchen Garantien sie verarbeitet werden und welche Fähigkeit wir haben, Innovation zu entwickeln, ohne von kritischen Infrastrukturen abhängig zu sein, die wir nicht kontrollieren. In diesem Sinne kann Europa nicht auf eine eigene Cloud und eine eigene KI verzichten, denn dort wird ein Großteil seiner künftigen Wettbewerbsfähigkeit entschieden – und Spanien kann in dieser europäischen Architektur eine Schlüsselrolle spielen, dank seiner Talente, seiner industriellen Kapazitäten und seiner Position als Technologie-Hub Südeuropas.
KI benötigt große Datenmengen, Rechenkapazitäten und sichere Umgebungen für das Training und den Einsatz von Modellen. Hängt dieser gesamte Prozess von Dritten ab, läuft Europa Gefahr, zum Nutzer von Technologie zu werden, aber nicht zum Gestalter ihrer Entwicklung. Dies ist besonders kritisch in regulierten Sektoren wie Banken, Gesundheit oder öffentlicher Verwaltung, wo Vertrauen, betriebliche Kontinuität, Datenschutz und Compliance unverzichtbare Voraussetzungen sind. Mit T Cloud Public und der Industrial AI Cloud wollen wir eine hyperskalierbare, sichere und dem EU-Recht entsprechende europäische Alternative bieten und klar den Weg zu mehr technologischer Souveränität weisen.
Jenseits der Infrastruktur erfordert die Datenwirtschaft einen gemeinsamen Vertrauensrahmen zwischen Unternehmen, Verwaltungen und Bürgern. T-Systems beteiligt sich aktiv an Initiativen wie GAIA-X, Catena-X oder Cofinity-X, und Spanien hat einen Aktionsplan für Datenräume mit 500 Millionen Euro aufgestellt. Wie konkretisiert sich diese öffentlich-private Zusammenarbeit rund um das Thema Daten in Spanien, welche Sektoren können sie mit größter europäischer Strahlkraft anführen, und wie können föderierte Datenräume, angewandte KI und Cybersicherheit die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmenslandschaft stärken?
Die Datenwirtschaft wird sich nur entwickeln, wenn Vertrauen vorhanden ist. Unternehmen, Verwaltungen und Bürger müssen die Garantie haben, dass Daten sicher, transparent, interoperabel und nach klaren Regeln geteilt werden. Deshalb sind föderierte Datenräume so relevant: Sie ermöglichen Zusammenarbeit, ohne die Kontrolle über die Daten zu verlieren.
Tatsächlich beobachten wir in Spanien dank der öffentlich-privaten Zusammenarbeit und der Förderung sektoraler Datenräume wichtige Fortschritte. Insbesondere der Förderplan für Datenräume bietet die Chance, diese Transformation zu beschleunigen und das Land in Branchen mit großem europäischem Zukunftspotenzial strategisch zu positionieren. Gesundheit, Automobil, Tourismus, Mobilität, Energie und der öffentliche Sektor können diesen Prozess anführen, weil sie ein großes Informationsvolumen, Interoperabilität und sehr klare Anwendungsfälle vereinen.
Bei T-Systems beteiligen wir uns aktiv an Initiativen wie GAIA-X, Catena-X oder Cofinity-X und bringen unsere Erfahrung beim Aufbau offener, föderierter und sicherer Dateninfrastrukturen ein. Der Schlüssel liegt darin, nicht nur über Daten als Vermögenswert zu sprechen, sondern sie in Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsentscheidungen zu überführen.